Auf dieser Seite werden wir in loser Folge Texte zu Themen rund um unseren Beruf abdrucken, über die es sich nachzudenken lohnt und über die wir ins Gespräch kommen könnten.
„Die Nachdenklichen“, Wolfgang Vorländer, Atelier LebensART
Diese Figurengruppe will an etwas erinnern, das mir heute so nötig erscheint: Nachdenken! Sich Nachdenklichkeit gestatten!
Nicht sofort reden. Und nicht sofort zu allem eine Meinung haben müssen. Fakten von Lügen unterscheiden lernen. Nach Wahrheit fragen.
Diese drei Gestalten befinden sich im Gespräch. Aber es ist ein hinhörendes und zuhörendes Gespräch. Die drei lassen sich Zeit. Einer ist des anderen Resonanzraum. Worte erst mal sacken lassen. Gedanken im Herzen bewegen. Allmählich zu Klarheit gelangen, vielleicht sogar… – gemeinsam.
Den Anfang macht eine Kolumne von Peter Otten, erschienen in der Zeitschrift Publik-Forum, Nr. 19/2025.
„Trauern sollten wir gemeinsam“
Meine Mutter hatte zu Haues in der Schublade ein kleines Vokabelheft. Wenn bei uns im Dorf jemand starb, zog sie los, klopfte an Türen, und jeder gab ein paar Mark für einen Kranz. Sie schrieb die Beträge fein säuberlich in ihr Heft: Christa Müller 5 D-Mark, Georg Schmitz 7 D-Mark. Hin und wieder gabs auch einen Zehner. Am Ende reichte das Geld für ein stattliches Gebinde inklusive einer von den Nachbarn unterschriebenen Karte. Das war „Crowdfunding“, lange bevor es das Internet gab. Analog, verbindlich und mit einem klaren Sinn: Keiner trauert hier allein. Der Tod ging durchs Dorf, und das Dorf ging mit.
Ab Oktober gilt in Rheinland-Pfalz ein neues Bestattungsgesetz. „Flexibilisieren“ sagt man dort jetzt vermutlich. Alles soll individueller werden, persönlicher, freier. Es gibt keine Sargpflicht mehr, die Asche darf in Mosel und Rhein verstreut oder gleich in einer Urne ins Bücherregal gestellt werden. Und aus ein paar Aschekrümeln lässt sich ein hübscher künstlicher Diamant pressen. Ich weiß nicht, ob man das „Freiheit“ nennen soll. Für mich klingt es eher nach Einsamkeit. Trauer ohne Gemeinde ist wie ein Trauerspiel ohne Publikum.
Natürlich ist nichts dagegen zu sagen, wenn Menschen sich ihren Abschied individuell gestaltet wünschen. Aber eine Kultur lebt eben nicht von Wünschen allein. Sie lebt davon, dass es Rituale gibt, die alle teilen. Denn eine Beerdigung ist ein kollektives Drama. Eine öffentliche Trauerfeier sagt zum Beispiel: Dieser Mensch gehörte zu uns. Auch wenn ich ihn nicht leiden konnte, gehe ich hin. Der Friedhof ist deswegen eine gesellschaftliche Errungenschaft. Genauso wie die Eckkneipe oder die Kirmes. Manchmal frage ich mich, ob wir mit dieser Individualisierung nicht etwas Wichtiges verlieren: das Gefühl, dass wir in existenziellen Momenten getragen werden. Das Vokabelheft meiner Mutter, das war kein persönlicher Tick. Es war eine Form von solidarischem Trost. Jeder gab, was er konnte, und jeder bekam es zurück, wenn er irgendwann selbst dran war. Ein stilles, ungeschriebenes, wunderbares Gesetz: Heute für dich, morgen für mich.
Ich finde, Trauer ist keine Privatsache, so wie die Liebe übrigens auch nicht. Beides existiert im Modus des Teilens. Wenn Menschen nach einer Beerdigung in der Kneipe in ein trockenes Stück Streuselkuchen beißen, und einer erzählt wieder die Anekdote vom toten Willi mit dem kaputten Traktor, über die plötzlich alle lachen: Das ist nicht banal, das ist Medizin. Die Politik sagt: Wir öffnen Spielräume. Das klingt freundlich. Aber manchmal ist ein Spielraum auch ein Schlupfloch, durch das sich jeder ins Private verkriechen kann. Ich habe nichts gegen moderne Formen der Trauer, wenn sie das Gemeinsame nicht aus dem Blick verlieren. Gemeinschaft fällt nicht vom Himmel, manchmal muss sie sogar mühsam von Haustür zu Haustür getragen werden. Die Trauerfeier ist die letzte Chance, sich noch einmal als Teil einer Gemeinschaft zu erleben, die größer ist als das eigene Ego. Vielleicht brauchen wir weniger Individualisierung im Tod und mehr Erinnerung daran, dass wir füreinander da sind. Sterben muss jeder allein. Aber trauern sollten wir gemeinsam.
Peter Otten ist Pastoralreferent im St. Agnes in Köln.
Wir danken Herrn Otten sehr herzlich für die Abdruckgenehmigung.

